Süchten widerstehen

Programm „Klasse 2000" in Grundschule angelaufen

GUNZENHAUSEN (en) - Kevin (13) steht rauchend an der Bushaltestelle und kommt sich dabei total cool vor, Florian (ebenfalls 13) hat bereits erste Erfahrungen mit Alkohol gemacht und Jessica (knapp 14) wurden schon mal kleine Tabletten angeboten, nach denen man super drauf sein soll. Immer häufiger wird die nachkommende Generation schon im frühen Jugendalter mit Genussgiften verschiedenster Art konfrontiert, und viele können dem Reiz nicht widerstehen. Schnell wird dann aus einer Zigarette am Tag eine halbe Schachtel und aus einem Bier zwei oder drei - vom enormen Suchtpotenzial härterer Drogen ganz zu schweigen.
Damit es nicht so weit kommt, wurde das Programm „Klasse 2000" ins Leben gerufen, das nun in einer Reihe von 1. Klassen in Gunzenhausen und dem Umland angelaufen ist. Initiator ist ein gleichnamiger Verein, der in Nürnberg seinen Sitz hat und der vom Lions Club und einer Reihe weiterer Kooperationspartner wie dem bayerischen Kultus-und dem Gesundheitsministerium wertvolle Unterstützung erhält.

An der Stephani-Grundschule macht sich auch der Elternbeirat mit Herbert Gutmann an der Spitze für das Projekt stark. „Klasse 2000", erläuterten Rektor Franz Steib und der Gunzenhäuser Lions-Präsident Helmut Lang zum Projektauftakt in einem Pressegespräch, ist das bundesweit größte Programm zur Gesundheitsförderung und Suchtvorbeugung im Grundschulalter.

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Auftakt in der 1b: In ihrem Klassenzimmer machten die Kleinen jetzt erste Bekanntschaft mit „Klaro". Die Sympathiefigur begleitet die Kinder durch das vierjährige „Klasse 2000"-Programm und lernt mit ihnen, gesund zu bleiben und sich auch einmal Nein sagen zu trauen. Mit auf dem Bild Rektor Franz Steib, Lions-Präsident Helmut Lang, Elternbeiratsvorsitzender Herbert Gutmann und die beiden Lehrerinnen Helene Wagner und Beate Vogt. Foto: Neidhardt

Die Mädchen und Buben lernen spielerisch, wie schön es ist, gesund zu bleiben. Unter dem Motto „Fit fürs Leben - wir sind dabei" führt das fröhliche Strichmännchen „Klaro" als Sympathiefigur die Kleinen durch das Programm. Der Wissensdrang und der Spaß der Kinder an einem aktiven und gesunden Leben wird bei „Klasse 2000" unterstützt und gefördert. Das Ziel: Die Mädchen und Buben sollen gesund aufwachsen und lernen, ihr Leben ohne Sucht und Gewalt zu meistern.

Hierfür krempelt der Verein „Programm Klasse 2000" gemeinsam mit seinen Paten und Kooperationspartnern seit nunmehr 15 Jahren die Ärmel hoch. Für Franz Steib sind die neuesten Zahlen erschreckend: „Immer früher kommen Kinder und Jugendliche in Kontakt mit Suchtmitteln." So liegt das Einstiegsalter für das Rauchen inzwischen bei nur noch 13,6 Jahren. Weil das Programm „Klasse 2000" die Kinder noch vor diesem kritischen Einstiegsalter erreicht, vergrößern sich die Chancen, vorbeugend und stärkend zu wirken. Das Programm, unterstreicht Steib die nachhaltige Bedeutung, beginnt frühzeitig und begleitet die Mädchen und Buben kontinuierlich von der 1. bis zur 4. Klasse.

Die bundesweit größte Initiative zur Gesundheitsförderung und Suchtprävention an Schulen wurde von Experten aus Medizin, Pädagogik und Natur­wissenschaften entwickelt. Das Programm wird laufend wissenschaftlich überprüft und überarbeitet. Die Lehrkräfte erhalten ausführliches und praxiserprobtes Unterrichtsmaterial für etwa zwölf Unterrichtsstunden pro Schuljahr. Weitere zwei bis drei Stun­den übernehmen „Klasse 2000"-Gesundheitsförderer - speziell geschulte Fachleute aus Medizin und Pädagogik. Die Kinder, so zeigt die Erfahrung, sind von diesen Besuchen begeistert, zumal die Gesundheitsexperten meist besonderes Material mitbringen: etwa ein Schwungtuch für Gemeinschaftsspiele, Stethoskope zur Erforschung des Herz-Kreislauf-Systems und vieles mehr.

Das Thema Gesundheit bekommt so für die Kinder im Schulalltag eine besonders hohe Bedeutung. Die positive Wirkung des Programms auf das Suchtverhalten kann belegt werden. So haben „Klasse 2000"-Absolventen beispielsweise deutlich seltener Erfahrungen mit Zigaretten als andere Kinder (25 gegenüber 32 Prozent). Der Anteil von Kindern, die regelmäßig zum Glimmstängel greifen, war bei ihnen nur halb so groß wie bei Schülern, die nicht an dem Programm teilgenommen haben (1,5 gegenüber drei Prozent). „Kinder kennen ihren Körper und entwickeln eine positive Einstellung zur Gesundheit" beschreibt Schulleiter Steib eines der Hauptanliegen des Programms. Den Kleinen wird die Bedeutung von gesunder Ernährung und Bewegung nahe gebracht. Sie entwickeln persönliche und soziale Kompetenzen und lernen den kritischen Umgang mit Tabak, Alkohol und - unmittelbar damit verknüpft - den Versprechen der Werbung. Wichtig ist für Steib ein enges Miteinander von Schule, Eltern und auch der Gemeinde mit dem Ziel, die Kleinen beim gesunden Aufwachsen zu unterstützen.

Während „Klasse 2000" bei den Abc-Schützen die Atmung verbunden mit Experimenten mit der Luft und die Entspannung in den Mittelpunkt rückt, stehen in der 2. Jahrgangsstufe Kooperationsspiele sowie gesunde Ernährung, der Weg der Nahrung und die Wirbelsäule auf dem Plan. In der 3. Klasse liegt das Schwergewicht auf dem Thema Herz und Blutkreislauf. Überdies geht es um die gewaltfreie Lösung von Konflikten. Die Kinder lernen, ihre eigenen Stärken, Schwächen und Gefühle einzuschätzen. In Rollenspielen zum Thema Gruppendruck verinnerlichen die Viertklässler schließlich das Nein-Sagen zu Tabak, Alkohol und anderen Drogen. Franz Steib weiß: „Das Rauchen ist in der Regel die Einstiegsdroge."

„Klasse 2000", will dazu beitragen, dass Kinder sich zu stabilen Persönlichkeiten entwickeln, die ihr Leben ohne Suchtmittel bewältigen. Dabei arbeitet das Programm nicht mit erhobenem Zeigefinger oder Abschreckungsmethoden, sondern kombiniert Wissensvermittlung mit Persönlichkeitsentwicklung.

Der Unterricht, so die bisherige Erfahrung, macht den Kleinen Spaß, fördert ihre Einstellung zur Gesundheit und stärkt all jene Faktoren, die der Entstehung von Sucht entgegenwirken. Seit 1991 hat das Programm bereits über 300 000 Kinder erreicht. „Gesundheitserziehung gehört zu den wichtigen Erziehungszielen unserer Grundschule. Wir können gar nicht früh genug damit anfangen, die Kinder gegen Suchtgefahren zu stärken und ihre Persönlichkeit umfassend zu fördern", begründet Franz Steib das Engagement seiner Schule. Besonders freut er sich über die Unterstützung des Lions Clubs als Paten, der mit einer Spende von jährlich 260 Euro pro Klasse die Teilnahme am Programm ermöglicht. Dankbar ist der Schulleiter auch für das starke Engagement des Elternbeirats.

Die Initiative, das Programm „Klasse 2000" nun auch im Gunzenhäuser Raum anzubieten, ist von Helmut Lang ausgegangen. Er lotet zusammen mit Ernst Weidl, dem Leiter des Simon-Marius-Gymnasiums (SMG), und Wolf­gang Winter, einem erfahrenen Pädagogen, beim Lions Club die Fördermöglichkeiten aus. Neben den vier Stephani-Grundschulklassen und der Grund­schule Süd in Gunzenhausen sind die Grundschulen in Merkendorf, Muhr am See, Gnotzheim, Heidenheim, Markt Berolzheim und Theilenhofen an dem Projekt beteiligt. Für die insgesamt 19 Klassen, die über vier Jahre gefördert werden, stellt der örtliche Lions Club mit seinen 42 Mitgliedern insgesamt rund 20000 Euro bereit. Er hat zahlreiche Paten (Privatleute und Wirtschaftsunternehmen) gefunden, die finanzielle Unterstützung leisten. Ihnen galt wie allen Unterstützern ein herzliches Dankeschön.

Für Lang und Steib soll die „Klasse 2000" an den hiesigen Grundschulen eine dauerhafte Einrichtung werden. Sie würden es sehr begrüßen, wenn sich auch die Eltern mit einem kleinen Beitrag (fünf Euro pro Jahr würden genügen) an der Finanzierung beteiligen würden. Ein Förderverein ist bereits in Vorbereitung. Bei Elternabenden sollen die Mütter und Väter immer wieder über den Fortgang des Projekts informiert werden. „Auch vor Ort sind Probleme da, und wenn hier Hilfe kommt ist es toll", freut sich Steib über das neue Präventionsprogramm. Dass es langfristig wirkt, ist für den Schulleiter („Eine wichtige Investition in die Zukunft") nicht hoch genug einzuschätzen.

(mit freundlicher Genehmigung des © ALTMÜHL-BOTE, GUNZENHAUSEN, 04.05.2006)

 

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